Die Western-Serie 1883 hat Traumwertungen in den Datenbanken. Gerechtfertigt? Ich habe reingeschaut.

Weite Wiesen, wilder Westen: 1883 ist ein Survival-Drama, falls man das so schreiben kann, das im Wilden Westen spielt und ein Prequel zur beliebten Sendung „Yellowstone“. Die Handlung: Ein Haufen Cowboys und Bürgerkriegsveteranen, maulfaule und raubeinige Gesellen mit Warmherzkern, begleiten einen Treck deutscher und osteuropäischer Immigranten von Texas ins gelobte Land. Oregon.

Klar, dass der Weg kein gerader ist. Dabei wird kaltblütig mit Colts geschossen und auch getroffen, werden wilde Rinder und Pferde mit Lassos gefangen, Grashalme zwischen den Zähnen malträtiert und die Hüte haben breite Krempen, so richtig cowboymäßig. Statisten: Naive Europäer, native Amerikaner, Pferde, Vieh. Gefahren: Pech, Getier, Banditen, Missverständnisse, ungünstiges Wetter etc.

Begleitet wird der Treck von einem Grandpa-Buddy-Duo aus zwei vom Leid gebrochenen, aber erfahrenen Bürgerkriegsveteranen, Thomas (LaMonica Garrett) und Shea Brannen (Sam Elliott). Und noch ein Grüppchen gesellt sich dazu: Der arschcoole Tausendsassa James Dutton (Tim McGraw) will seine Familie ebenfalls nach Oregon führen. Stets elegant: seine Frau Margaret (Faith Hill, übrigens auch im Echtleben McGraws Gattin), der kleine Sohn John und die Tochter, Elsa (Isabel May), die auch nach Wochen in der Wildnis stets akkurat gezogene Lidstriche und einen schick ausgedünnten Stufenschnitt aufweist. Hat sie von der Mama.

Das junge Ding, an der Schwelle zum Erwachsensein und frisch den gesellschaftlichen Zwängen der Heimat entkommen ist stur und mit nachsichtigen Eltern gesegnet. Sie lässt sich Hosen nähen, schwingt sich auf den Sattel der Selbstermächtigung und nervt uns Zuschauende dabei allerdings leider auch mehrfach pro Folge mit ihrem immergleich-naivem Offstimmen-Pathos nach Art eines „Ich schaute aus dem Planwagen und die Luft roch gut – nach FREIHEIT und LEBEN!“ Und das dann auch noch in affektiertem Südstaatenakzent. Augenrollgrunz.

Der so in die Serie reingepflockte narrative Zaun soll wohl Teenager auf der Koppel halten, sorry für die üble Metapher. Weniger jugendfreundlich hingegen sind die Gewaltdarstellungen und die vielen grafischen Todesfälle, die in ihrer Anzahl schon fast an ein Battle Royale gemahnen. Es gibt viele Leute zu beweinen in 1883, nicht zuletzt einige der Nebencharaktere, die die Serie mit viel Brimborium einführt und dann unangemessen rüde fallenlässt.

Manche Personalien lassen dann auch die Frage aufkommen, welchem Zweck sie denn nun dienen, außer einer mehr oder oder minder pfiffigen Gag-Zeile. Und damit meine ich nicht nur den sinnlosen Cameo-Auftritt von Tom Hanks am Anfang. Manche Rolle hätte man sich hier sparen können und stattdessen mehr Gewicht auf die Dynamik in der Immigrantengruppe legen können, deren Charaktere blass bleiben, ihre Konflikte – Wohin denn nun und wem folgen? – laff geschildert.

Amerikanische Ureinwohner werden in 1883 größtenteils positiv gezeigt, selbst auf dem Kriegspfad ist ihr Furor ein gerechter, skalpiert wird nur als Folge eines Missverständnisses. Die Einstellung der Truppe den Ureinwohnern gegenüber ist respekt- und vertrauensvoll, die Unterdrückung im historischen Kontext immerhin zart angedeutet, wird hier dann aber ausgeführt durch fiese Banditen. Gut ist gut, böse ist böse, Ambivalenzen leistet sich die Serie keine bei den Haupthandelnden. Ja, selbst zwei Liebesbeziehungen, die die Grenzen der Konventionen überwindet, sind in dieser Serie möglich.

Das geht titanicmäßig klar: historisch natürlich unrealistisch, konzeptionell ultrakitschig, aber ganz charmant gespielt. Ich empfand die Serie übrigens nicht als „zu woke“. Okay, vielleicht mal abgesehen von den mehrfach offensiv in die Kamera gehaltenen Achselhaarbüscheln. Bitte nicht missverstehen, das kann man schon machen, aber dann bitte auch nicht so eine makellose Textbuchschönheit mit Optimalstyling für die Hauptrolle auswählen, danke.

Kein Sugarcoating: 1883 ist beladen mit Klischees und historischen Ungenauigkeiten. Aber fairerweise ist die Serie auch nicht schlecht, dafür sorgen die üppigschönen Landschaftsbilder, die geradewegs aus einer Marlboro-Werbung stammen könnten und übrigens Fernweh und Freiheitslust viel besser zu evozieren imstande sind als Elsas Pathosreden aus dem Off. Und da sind dann noch die wirklich guten schauspielerischen Leistungen des Kern-Casts zu nennen, die das mittelmäßige Drehbuch ein bisschen vergessen lassen. Ist irgendwie dann doch ne ganz schöne und spannende Serie, das will man dann schon weitergucken. Aber 9.0 bei IMDb? Nee, sorry.

7/10

Symbol-Titelbild „Berge“:
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